News aus dem aktuellen Schuljahr

… änderte sich das Leben der kleinen Mehrnousch und ihrer Familie. Tanzen, Singen, Spiele, Sport, Radfahren, das Rennen auf der Straße – alles wurde verboten. Männer und Frauen mussten lange Kleider tragen, für Mädchen und Frauen wurden Kopftücher Pflicht; nicht eine Haarsträhne durfte sichtbar sein. Wächter – junge Männer mit Knüppeln – kontrollierten das öffentliche Leben. Wer gegen irgendeine der Vorschriften verstoßen hatte, wurde auf offener Straße verprügelt. Frauen, die Lippenstift aufgetragen hatten, wurde auf der Straße der Lippenstift mit einem Wattebausch abgewischt – in diesem Bausch war eine Rasierklinge versteckt.

So schilderte Mehrnousch Zaeri-Esfahani die Verwandlung des Irans in eine „Islamische Republik“ genannte Diktatur unter Ayatollah Khomeni, wie sie diese als Kind erlebt hatte.

Ihr Publikum waren etwa 300 Kinder im Alter zwischen 11 und 14 Jahren in der Aula des Deutschorden-Gymnasiums Bad Mergentheim am 10. April.

Die renommierte Autorin hielt sich auf Einladung von Amnesty und der hiesigen Buchhandlung „Moritz und Lux“ in Bad Mergentheim auf. Nachdem sie am Vorabend in den Räumen der Buchhandlung einen Auftritt vor Erwachsenen hatte (siehe Bericht der „Fränkischen Nachrichten“ vom 13.4.19), widmete sie sich am folgenden Vormittag Kindern.

„Schön, dass ihr alle da seid“, begrüßte sie ihr gespanntes Publikum, „je mehr, umso besser. Ihr seid alle wertvoll. In jedem von euch ist eine Schatzkiste versteckt.“  In dieser Schatzkiste seien Diamanten und Edelsteine, aber auch dunkle Dinge, schwarze Monster. Sie selbst habe ihre Schatzkiste für viele Jahre vergraben und vergessen.

Nach Beginn des Krieges zwischen dem Iran und dem Irak durften Jungen ab dem 15. Lebensjahr nicht mehr ausreisen, da sie als künftige Soldaten gebraucht wurden. Weil ihr älterer Bruder Mehrdad kurz vor seinem 15. Geburtstag stand, beschloss die Familie illegal aus dem Iran auszureisen, ein „Abschied ohne Abschied“, denn niemand durfte von dieser Flucht erfahren, die nur möglich war, weil ihr Vater als bekannter und gut verdienender Arzt, der sich auch sozial engagierte, die Behörden mit einer hohen Summe bestechen konnte. Zaeri- Esfahani ist der festen Überzeugung, dass ihr Bruder den Krieg – wie so viele junge Männer – nicht überlebt hätte; heute ist er ein bekannter Künstler.

Die Familie landete zunächst für 10 Monate in Istanbul und kam schließlich nach Heidelberg.

Für die zehnjährige Mehrnousch bedeutete dieser Neuanfang die Bewältigung des Verlustes ihrer Verwandten, ihrer Freunde, ihres mit Liebe gepflegten Katzenasyls, ihrer vertrauten Umgebung. Zugleich musste sie in einem neuen Land, mit einer völlig anderen Kultur und einer schweren Sprache ankommen. Dies war ihre Situation, als sie ihre Schatzkiste vergrub, weil sie ihr zu schwer geworden war. Sie wollte schnell so werden wie die Deutschen; dabei behinderte sie diese Schatzkiste voller Erinnerungen an ihre persische Vergangenheit nur.

Sie macht Abitur, studiert, heiratet „einen schönen blonden Mann mit blauen Augen“, arbeitet viele Jahre erfolgreich als Sozialpädagogin, bis sie nach fast dreißig Jahren zu schreiben beginnt und beim Schreiben ihre Schatzkiste wiederfindet. All ihre Erinnerungen sind in ihre preisgekrönte Autobiographie „33 Bogen und ein Teehaus“ eingeflossen. Der Titel ist eine wehmütige Erinnerung an eine berühmte Brücke in ihrer Heimatstadt Isfahan, auf der ein Teehaus steht. Dort ist sie oft mit ihren Eltern spazieren gegangen.

Alle hatten sich auf eine Lesung mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani eingestellt, doch diese machte

rasch deutlich, dass sie bei ihren Nichten und Neffen als die „orientalische Tante“ mit der Begabung, Geschichten zu erzählen, bekannt sei. Und ihre Geschichte präsentierte sie  frei sprechend, gestisch – mimisch wie eine Schauspielerin agierend, wobei sie die ganze Bühne benötigte und ihr junges Publikum für mehr als eine Stunde fesselte.

Zum Schluss gab es noch ausreichend die Möglichkeit, Fragen zu stellen, von der zahlreich Gebrauch gemacht wurde. Es war bewundernswert, wie Zaeri-Esfahani diese Fragerunde in der bis zum letzten Platz gefüllten Aula organisierte. Das war auch möglich dank des Einsatzes der für die Technik zuständigen Schüler des DOGs, die für einen reibungslosen Ablauf sorgten.

Wie sehr die Autorin die Herzen ihres jungen Publikums gewonnen hatte, zeigte sich zuletzt, als sie noch von vielen Kindern beim Verlassen der Aula angesprochen wurde und für jeden ein freundliches Wort hatte.

Ralph Müller

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