An dieser Stelle berichten wir von Neuigkeiten und besonderen Ereignissen aus dem Schulleben - von A wie Abiball bis Z wie Zeugnisausgabe.

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Holocaust-Überlebende Liesel Binzer berichtete über ihre Erlebnisse im KZ Theresienstadt. Rechts Alexandra Behns von "Zeugen der Zeitzeugen". Quelle: Peter D. Wagner

 

 

Von 15 000 Ghetto-Kindern überlebten lediglich 150

Zwei ergreifende und beeindruckende Unterrichtsstunden erlebten die Schüler der Klassenstufen 10 und 11 des Deutschorden-Gymnasiums (DOG).

Die Holocaust-Überlebende Liesel Binzer aus Offenbach kam zu einer Vortragsveranstaltung, die von der Initiative "Zeugen der Zeitzeugen" und vom Verein der Freunde des DOG unterstützt wurde. Sie erzählte über ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie speziell in dem KZ Theresienstadt. Binzer war zum zweiten Mal in Bad Mergentheim zu Gast, nachdem sie bereits 2016 vor Schülern der Berufsfachschule und des Technischen Gymnasiums aus ihrer Kindheit erzählt hatte.

b_150_100_16777215_01_images_2016-17_Zeitzeugen2.jpg"In dem bundesweiten Projekt 'Zeugen der Zeitzeugen' wollen wir der letzten Generation der Holocaust-Überlebenden, deren Kindern und Enkeln begegnen und mit ihnen in einen Dialog treten", erklärte Alexandra Behns, ehrenamtliches Teammitglied von "Zeugen der Zeitzeugen", einem Projekt des Vereins "Initiative 27. Januar" mit Sitz in Berlin. Weitere Ziele seien, das Gedenken an den Holocaust lebendig zu halten und an die junge Generation weiterzugeben, dem Antisemitismus in seinen Erscheinungsformen entgegenzuwirken sowie die deutsch-israelischen Beziehungen durch Austausch und Projekte zu stärken. "Ein einzigartiges Erlebnis", so kündigte Rektorin Sabine Rühtz die Veranstaltung mit Liesel Binzer in der mit über 130 Schülern und Lehrern sehr gut besuchten DOG-Aula an. Behns sagte, sie höre häufig, dass Holocaust-Überlebende schon lange verstorben seien. Dabei würden Zahlen von 2016 noch von weltweit rund 100 000 Überlebenden ausgehen.

Die 1936 in Münster/Westfahlen geborene Liesel Binzer kam nach der Novemberpogromnacht 1938 als damals Zweijährige in ein sogenanntes "Judenhaus". Vier Jahre später wurde die Familie nach Theresienstadt im heutigen Tschechien deportiert, wo sie bis 1945 gefangen war und wo das Mädchen die Zeit über von ihren Eltern getrennt verbringen musste. "Ich war mit rund 15 000 Kindern in diesem Ghetto und nur sehr wenige, nämlich lediglich etwa 150, haben überlebt", berichtete sie.

Nach ihrer Rückkehr aus diesem KZ wohnte sie zunächst in Warendorf/Freckenhorst gemeinsam mit ihren Eltern, die ebenfalls das KZ überlebt hatten, sowie ab 1965 in Mühlheim und ab 1968 in Offenbach, wo sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde ist. 1960 heiratete sie und bekam in den Folgejahren drei Kinder. Wie bei allen anderen Kindern und Jugendlichen sowie weiteren Überlebenden des Holocausts sei auch für sie der Neuanfang 1945 schwer gewesen. Sie habe versucht, trotz oder gerade wegen ihrer Erlebnisse im KZ Theresienstadt ihr eigenes Leben zu führen und eine harmonische Familie zu gründen, was ihr letztlich auch gelungen sei.

In Theresienstadt sei sie, auch wenn sie sich als Kind nicht aller Einzelheiten bewusst gewesen sei, zu früh erwachsen geworden, bilanzierte Binzer, nachdem sie eingehend ihre Geschichte, Erlebnisse und Erfahrungen geschildert hatte. Seit damals spüre sie eine innere Unruhe und reagiere besonders sensibel auf Antisemitismus, der in Deutschland noch immer bei manchen Menschen verbreitet sei. Trotzdem versuche sie, den Menschen zu vertrauen. "Als Zeitzeugin versuche ich ein Gespür für Unrecht zu vermitteln und speziell auch junge Menschen dafür zu sensibilisieren", hob Binzer hervor. Nach dem Vortrag nutzten zahlreiche Schüler die Gelegenheit, mit der 80-Jährigen ins Gespräch zu kommen.

Ihre Erlebnisse hat Binzer in einem Buch veröffentlicht, das mit Förderung durch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sowie durch den Zentralrat der Juden in Deutschland in der Reihe "Bittere Vergangenheit - bessere Zukunft" des Vereins Child Survivors Deutschland herausgegeben wurde.

Mit freundlicher Erlaubnis der © Fränkische Nachrichten, Montag, 22.05.2017, Peter D. Wagner

Vielen Dank an Frau Anna Ruck für die Organisation von Seiten des DOGs!